← Zurück zum Blog

17. November 2025 · 6 Min. Lesezeit

Warum Lehrkräfte KI lieber direkt lernen sollten (statt EdTech-Plattformen zu nutzen)

Die Bildungslandschaft reagiert auf den KI-Boom: Überall entstehen kommerzielle Plattformen, die Schulen „datenschutzkonformen" Zugang zu KI versprechen. Fobizz, FelloFish (ehemals fiete.ai), cornelsen.ai und viele andere wetteifern um Schullizenzen. Gleichzeitig kochen alle 16 Bundesländer ihr eigenes Süppchen – Baden-Württemberg testet "fAIrChat", andere setzen auf "schulKI" oder "telli", wieder andere schließen Verträge mit kommerziellen Anbietern. Trotz der Unübersichtlichkeit ist diese Art der KI-Nutzung ein Fortschritt - jedoch mit eigener Problematik.

Das Grundproblem: Vereinfachte Interfaces

EdTech-Plattformen werben damit, KI „niedrigschwellig" und „benutzerfreundlich" zu machen. Das klingt zunächst attraktiv. Doch was bedeutet das in der Praxis? Es bedeutet vereinfachte Interfaces, vorformatierte Eingabemasken und eingeschränkte Funktionen. Die Plattformen nehmen Lehrkräften Entscheidungen ab – und damit auch das Verständnis dafür, wie KI tatsächlich funktioniert.

Wer nur innerhalb der vorgegebenen Strukturen einer EdTech-Plattform arbeitet, lernt nicht zu prompten. Stattdessen lernt man, vorgefertigte Buttons zu klicken. Das ist kein echtes Werkzeug-Verständnis, sondern digitale Abhängigkeit. Sobald die Plattform eine Funktion nicht vorsieht, steht man hilflos da. Zwar sind freie Chat-Funktionen, die den Standarf-Chatbots entsprechen, meistens integriert - die muss man aber zu nutzen wissen.

Diese Vereinfachung ist nicht nur didaktisch problematisch, sie ist auch trügerisch. Sie vermittelt den Eindruck, KI-Kompetenz bedeute, eine bestimmte Plattform bedienen zu können. Tatsächlich bedeutet echte KI-Kompetenz, Sprachmodelle zu verstehen, präzise zu kommunizieren und kritisch mit den Ergebnissen umzugehen – unabhängig von der konkreten Plattform.

KI-Kompetenz sollte universell sein

Hier liegt der entscheidende Unterschied: EdTech-Plattformen trainieren die Nutzung eines spezifischen Werkzeugs. Was Lehrkräfte aber eigentlich brauchen, ist die Fähigkeit, grundsätzlich mit KI kompetent umzugehen. Denn die Technologie entwickelt sich rasant weiter. Wer nur gelernt hat, die Oberfläche von Fobizz zu bedienen, hat in drei Jahren ein Problem – wenn entweder die Plattform nicht mehr aktuell ist oder das Lizenzmodell der Schule sich ändert.

Noch gravierender: Schüler:innen nutzen in der Regel keine EdTech-Plattformen. Sie nutzen ChatGPT oder Gemini – direkt und ohne Filter. Wenn Lehrkräfte ihren Schüler:innen KI-Kompetenz vermitteln sollen, müssen sie mit denselben Tools vertraut sein, die auch tatsächlich genutzt werden. Es nützt wenig, wenn Lehrkräfte wissen, wie man bei Fobizz einen Arbeitsblatt-Generator bedient, aber hilflos sind, wenn ein Schüler fragt: „Wie überprüfe ich, ob ChatGPT mir gerade Unsinn erzählt?"

Das Modell-Problem: Veraltete Technologie per Vertrag

Ein weiterer kritischer Punkt wird in der öffentlichen Diskussion kaum beachtet: EdTech-Plattformen basieren in der Regel nicht auf den aktuellen Sprachmodellen, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt Lizenzverträge mit den Anbietern von Sprachmodellen abgeschlossen wurden. Das bedeutet: Schulen zahlen für Lizenzen, die auf technisch bereits veralteten Modellen basieren. Nicht weil die EdTech-Anbieter böswillig sind, sondern weil Vertragsverhandlungen und Implementierungen Zeit brauchen. Bis eine Plattform auf ein neueres Modell umgestellt hat, ist dieses oft schon wieder überholt. Lehrkräfte arbeiten also systematisch mit KI-Systemen, die hinter dem aktuellen Stand der Technik zurückliegen – und versuchen, ihre Schüler:innen auf eine Technologie vorzubereiten, die diese längst in modernerer Form nutzen.

Wer hingegen lernt, direkt mit ChatGPT oder Claude zu arbeiten, hat automatisch Zugang zur neuesten verfügbaren Technologie. Ohne Vertragslaufzeiten, ohne Implementierungsverzögerung, ohne institutionelle Trägheit.

Der föderale Flickenteppich

Das Problem verschärft sich durch den Bildungsföderalismus. Während andere Länder nationale KI-Strategien für Schulen entwickeln, produziert Deutschland einen föderalen Flickenteppich: Baden-Württemberg testet sein eigenes "fAIrChat", Bremen und Bremerhaven setzen auf "telli", Sachsen-Anhalt arbeitet mit FelloFish in einer Public-Private-Partnership, andere Bundesländer lizenzieren "fobizz" oder "schulKI", wieder andere haben noch gar nichts.

Das Ergebnis: Lehrkräfte, die das Bundesland wechseln, müssen sich in neue Plattformen einarbeiten. Schulen innerhalb eines Bundeslandes nutzen unterschiedliche Systeme, je nachdem, welcher Schulträger welche Lizenz gekauft hat. Fortbildungen sind nicht übertragbar, Erfahrungen nicht skalierbar. Und während Politik und Verwaltung über Zuständigkeiten verhandeln, wachsen die Schüler:innen in einer digitalen Realität auf, die von diesen lokalen Insellösungen völlig unberührt ist.

Die Kultusministerkonferenz hat im Herbst 2024 zwar erstmals gemeinsame Empfehlungen vorgelegt – doch die Umsetzung erfolgt, wie so oft, uneinheitlich. Es fehlt der politische Wille, tatsächlich länderübergreifende Standards zu etablieren. Das mag der Kulturhoheit der Länder geschuldet sein, aber es geht letztlich zu Lasten der Lehrkräfte und ihrer Schüler:innen.

Der direkte Weg: Kompetenz statt Abhängigkeit

Die Alternative ist einfach und liegt auf der Hand: Lehrkräfte sollten lernen, direkt mit den führenden KI-Chatbots umzugehen. Nicht über zwischengeschaltete Plattformen, nicht über vereinfachte Interfaces, sondern unmittelbar. Das bedeutet:

  • Prompt-Engineering verstehen: Wie formuliere ich Anfragen so, dass ich präzise Ergebnisse erhalte?
  • Kontextsteuerung beherrschen: Wie baue ich Gespräche mit der KI auf, die zu immer besseren Ergebnissen führen?
  • Kritische Überprüfung: Wie erkenne ich Halluzinationen und falsche Informationen?
  • Ethische Reflexion: Wann ist KI-Nutzung sinnvoll, wann problematisch?

Diese Kompetenzen sind übertragbar. Sie funktionieren unabhängig davon, ob ich ChatGPT, Claude, Gemini oder ein zukünftiges Modell nutze. Sie sind unabhängig von Lizenzverträgen, Bundeslandgrenzen und Plattformentscheidungen. Und sie entsprechen dem, was Schüler:innen brauchen: echtes Verständnis, nicht Oberflächenbedienung.

Natürlich gibt es datenschutzrechtliche Bedenken bei der direkten Nutzung von kommerziellen Chatbots im schulischen Kontext. Diese sind berechtigt und müssen ernst genommen werden. Aber die Lösung kann nicht sein, dass Lehrkräfte ausschließlich mit eingeschränkten Plattformen arbeiten und dadurch nie echte KI-Kompetenz entwickeln. Die Lösung muss sein, dass Lehrkräfte zunächst privat oder in Fortbildungskontexten mit den realen Tools arbeiten, um sie zu verstehen – und dann didaktisch reflektiert entscheiden, wie sie diese Kompetenz an ihre Schüler:innen weitergeben.

Was Politik und Schulträger tun sollten

Statt Millionen in fragmentierte Landeslizenzen für kommerzielle Plattformen zu stecken, braucht es:

  • Länderübergreifende Standards: Eine gemeinsame KI-Strategie für Schulen, die nicht an Ländergrenzen endet.
  • Investition in echte Kompetenzentwicklung: Fortbildungen, die Lehrkräfte befähigen, mit aktuellen KI-Systemen direkt zu arbeiten.
  • Pragmatische Datenschutzlösungen: Klare Regelungen, wann und wie Lehrkräfte aktuelle KI-Tools für Unterrichtsvorbereitung nutzen dürfen.
  • Evaluation statt Aktionismus: Bevor jedes Bundesland seine eigene Plattform entwickelt, sollte systematisch evaluiert werden, was tatsächlich funktioniert.

Bildungspolitiker:innen und Schulträger als maßgebliche Akteure sollten den Mut haben, nicht den scheinbar einfachen, aber letztlich teureren und ineffizienteren Weg zu gehen. Zwischengeschaltete Plattformen sind Krücken, keine Lösungen. Sie mögen auf den ersten Blick niedrigschwellig erscheinen, schaffen aber langfristig Abhängigkeiten und vermitteln eine Schein-Kompetenz, die den tatsächlichen Anforderungen nicht gerecht wird.

Fazit

EdTech-Plattformen haben durchaus ihre Berechtigung – für spezifische Anwendungsfälle, für den geschützten Einsatz mit Schüler:innen, für datenschutzkonforme Szenarien. Aber sie dürfen nicht der einzige Zugang zur KI sein, den Lehrkräfte kennenlernen. Wer KI-Kompetenz vermitteln will, muss sie selbst besitzen. Und echte Kompetenz entsteht nicht durch das Bedienen vereinfachter Interfaces, sondern durch den direkten, reflektierten Umgang mit der Technologie.

Die Aufgabe ist klar: Lehrkräfte müssen lernen zu prompten, Kontexte anzupassen, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen – direkt mit ChatGPT und anderen führenden Systemen. Nur so können sie ihre Schüler:innen auf eine Welt vorbereiten, in der KI allgegenwärtig und unmittelbar verfügbar.

Der föderale Flickenteppich wird sich nicht von heute auf morgen auflösen. Aber Lehrkräfte können selbst den direkten Weg gehen – und dadurch bei Schulträgern und Politik deutlich machen, dass sie echte Lösungen brauchen, keine teuren Scheinlösungen.

Möchten Sie lernen, wie Sie direkt und kompetent mit KI arbeiten? Die Workshops auf ki-lehren.de vermitteln genau das: keine Plattform-Bedienung, sondern echtes Verständnis. Sie lernen, präzise zu prompten, Ergebnisse kritisch zu bewerten und KI produktiv zu nutzen – mit den Tools, die auch Ihre Schüler:innen verwenden. So können Sie KI-Kompetenz authentisch und auf Augenhöhe vermitteln.

© Sven Lüder, www.ki-lehren.de

Weitere Artikel

10. November 2025 · 7 Min. Lesezeit

Von der Betrugsmaschine zur Chance

KI stellt traditionelle Leistungsformate in Frage – bietet aber auch massive Entlastung und neue Möglichkeiten.

Artikel lesen

30. Oktober 2025 · 7 Min. Lesezeit

KI erfindet jede dritte Antwort?

Eine kritische Betrachtung der medialen Berichterstattung über KI-Fehler und die EBU-Studie.

Artikel lesen