Kompetenzverschiebung durch KI
Wenn Schüler*innen KI nutzen können, bedeutet das mehr als nur De-Skilling - es führt zu einem tiefgreifenden Wandel von relevanten Fähigkeiten.
Artikel lesenViele Lehrkräfte machen derzeit Erfahrungen, über die unter KI-Befürwortern zu wenig gesprochen wird. Schüler*innen geben Hausaufgaben ab, die erkennbar nicht von ihnen stammen. Selbst mündliche Beiträge klingen plötzlich verdächtig elaboriert. Im ärgsten Fall nutzen Jugendliche das nicht abgegebene Zweithandy, um während des Unterrichts heimlich KI-Antworten auf Lehrerfragen zu generieren.
Dies als „Schummeln" abzutun, wäre zu einseitig. Für Lehrkräfte, denen es noch nicht gelungen ist, ihre Lehr- und Prüfmethoden tiefgreifend umzustellen, stellt es sich vielmehr so dar, dass KI ihren Unterrichtsalltag destabilisiert. Betroffene Lehrkräfte erleben keinen technologischen Fortschritt, sondern Sabotage. Kurzfristig führt das zu Frustration, langfristig zu einer Verunsicherung im professionellen Selbstverständnis und einem Vertrauensverlust gegenüber den Schüler*innen.
In diesem Artikel möchte ich das Phänomen psychologisch einordnen und eine Dynamik beschreiben, die für die digitale Schulentwicklung Konsequenzen hat. Meine These: Wer diesen Vertrauensverlust ignoriert und lediglich fordert, die Lehrkräfte müssten sich anpassen, wird KI-Kompetenz im Kollegium nicht erfolgreich aufbauen können.
Die Lehrerrolle ist durch Wissensvorsprung, pädagogische Autorität und die Fähigkeit zur Steuerung von Lernprozessen definiert. Diese Elemente sind nicht bloß funktional, sondern identitätsstiftend. KI verschiebt alle drei Parameter: Der Wissensvorsprung wird relativiert, wenn Schüler*innen Zugang zu elaborierten Antworten haben. Die Autorität wird untergraben, wenn Schüler*innen die an sie gestellten Arbeitsaufträge und Fragen einfach delegieren und sich nicht an ein Handyverbot halten. Aus Prozesssteuerung schließlich wird Kontrollverlust, wenn unklar bleibt, wer eigentlich gelernt hat: der Schüler oder sein Chatbot.
Entscheidend ist: Nicht die Technologie selbst bedroht die Identität, sondern die veränderte Dynamik mit den Schüler*innen. Betroffene Lehrkräfte erleben, dass etablierte Regeln nicht mehr greifen und müssen alltäglich mit dem Verdacht umgehen, hintergangen zu werden. Diese Reaktion als bloße „Technikangst" abzutun, verkennt ihre Tiefe.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Erfahrungen zu einer kognitiven Abwehrhaltung gegenüber dem Thema KI führen. Wer solche Erfahrungen gemacht hat und zudem selbst nicht technologieaffin ist, ist in Hinblick auf KI zumindest vorbelastet. Schließlich kommt zu den Erfahrungen von Täuschungsversuchen und Störungen im Unterricht auch noch das anekdotische Wissen um Halluzinationen.
Die psychologische Forschung kennt das Phänomen der Algorithmischen Aversion: Menschen verlieren Vertrauen in Algorithmen schneller als in Menschen, wenn sie diese Fehler machen sehen. Außerdem liegt die Schwelle zur Wiederherstellung des Vertrauens deutlich höher. Dazu passt der Befund einer Erhebung von Bitkom (2024), der zufolge ein erheblicher Teil der Lehrkräfte, die KI ausprobiert haben, sie künftig nicht mehr nutzen wollte.
Wenn die durch eigene Erfahrung fundierte Skepsis nicht direkt adressiert wird, verfestigt sich eine Ablehnung, die durch spätere Versprechen positiver Erfahrungen nur schwer aufzubrechen ist. Das erklärt, warum manche Lehrkräfte KI kategorisch ablehnen, selbst dann, wenn sie deren Bildungsrelevanz grundsätzlich anerkennen. Die negative Ersterfahrung wiegt schwerer als rationale Argumente. Das ist kein Defizit der Lehrkraft, sondern ein dokumentierter psychologischer Mechanismus.
Eine Fortbildung, die mit „Lernen Sie die Chancen von KI kennen" beworben wird, kann auf Lehrkräfte im Vertrauensverlust wie Hohn wirken. Die implizite Botschaft: „Euer Problem ist, dass ihr die Technologie nicht versteht." Das ignoriert die emotionale Realität und kann den Widerstand verstärken. Das kann sich dann in Rückzug, verstärkten Kontrollanstrengungen oder Resignation ausdrücken. Keine dieser Reaktionen ist eine gute Lösung – aber alle sind verständlich in einer Situation, in der Lehrkräfte sich allein gelassen fühlen.
Man darf den Widerstand nicht als Störung auffassen, sondern muss sich ihm widmen. Für Schulen bedeutet das eine klare Sequenz: Zunächst braucht es Anerkennung, um Erfahrungen zu validieren und Raum für Frustration zu geben. Danach muss strukturelle Klarheit folgen, indem man gemeinsam wirksame Regeln etabliert und Rechtssicherheit schafft. Erst auf dieser Grundlage kann ein spezifischer KI-Kompetenzaufbau gelingen.
KI-Kompetenz ist wichtig. Aber im Rahmen des Unterrichts setzt sie ein Bewusstsein der Handlungsfähigkeit und Vertrauen zu den Schüler*innen voraus. Wer dieses Vertrauen verloren hat, braucht zuerst Anerkennung und verlässliche Strukturen, um dafür offen zu sein, sich neue Kompetenzen anzueignen. Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Wer Schritt drei vor Schritt eins setzt, erreicht nur jene Lehrkräfte, die ohnehin schon offen für KI sind – und vertieft die Kluft zu denen, die es nicht sind.
Vertrauen & Akzeptanz schaffen: Wenn es auch an Ihrer Schule unbearbeitete Konflikte im Zusammenhang mit KI gibt, kann ich gerne ein psychologisch fundiertes Fortbildungsformat für Sie entwickeln, das Frustrationserfahrungen zunächst anerkennt und damit auch bei den Skeptischen Offenheit für die neue Technologie erreicht. Sprechen Sie mich an.
© Sven Lüder, www.ki-lehren.de
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