Kritisch Denken mit KI
Über 60% der Lehrkräfte befürchten negative Folgen von KI für kritisches Denken. Dabei bietet KI die Chance, es systematisch zu fördern.
Artikel lesenMontagmorgen, 7:15 Uhr. Drei Krankmeldungen im System, die Vertretungspläne müssen umgestellt werden. In der dritten Stunde übernimmt eine Kollegin eine 8. Klasse in Physik – ein Fach, das sie nicht studiert hat. Zur Verfügung stehen: Bis dahin hat sie 20 Minuten Pause, keine Materialien, keine Ahnung, wo die Klasse, die sie nicht kennt, eigentlich steht. Was tun?
Die Antwort kennen alle, die an Schulen arbeiten: Stillarbeit anordnen, Film zeigen, durchkommen. Nur relativ selten dürfte es gelingen, dass spontaner Vertretungsunterricht den eigenen pädagogischen Ansprüchen genügt. Gerade darum handelt es sich hier um ein Praxisfeld, in dem KI-Kompetenz einen unmittelbaren, spürbaren Unterschied machen kann.
Vertretungsunterricht ist, auch wenn kein Randphänomen. Das Deutsche Schulbarometer zeigt: 42 Prozent der Schüler*innen berichten von ein bis zwei Stunden Unterrichtsausfall pro Woche, weitere 22 Prozent von drei bis vier Stunden (S. 12). Die offiziellen Statistiken der Bundesländer weisen geringere Zahlen aus – aber dort gilt oft nur als „Ausfall", was ersatzlos gestrichen wird. Stillarbeit, Zusammenlegung von Kursen oder fachfremder Unterricht erscheinen in den Statistiken als „erteilter Unterricht".
Das Qualitätsproblem ist dabei mindestens so gravierend wie das Quantitätsproblem. Die Gründe dafür sind strukturell und bekannt: Zeitdruck (Krankmeldungen kommen kurzfristig), Fachfremdheit (die Vertretungslehrkraft kennt das Fach nicht oder nur oberflächlich), fehlendes Material (keine passenden Arbeitsblätter zur Hand) und Unkenntnis des Lernstands (wo steht die Klasse gerade?). Unter diesen Bedingungen ist es schwer, eine sinnvolle Unterrichtsstunde zu improvisieren.
Genau hier kann KI einen Unterschied machen – aber nur, wenn Lehrkräfte wissen, wie sie die Technologie nutzen. Drei Szenarien zeigen, was möglich ist:
Eine Lehrkraft erfährt in der Pause, dass sie in der nächsten Stunde eine 7. Klasse in Geschichte vertreten muss. Thema laut Klassenbuch: Französische Revolution, Ursachen. In fünf Minuten erstellt sie mit einem Chatbot ein differenziertes Arbeitsblatt: einen kurzen Informationstext, drei Aufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen, eine Zusatzaufgabe für schnelle Schüler*innen, Selbstkontrollfragen am Ende.
Das ist kein idealer Unterricht. Aber es ist substantielles Arbeiten statt Stillbeschäftigung. Die Schüler*innen setzen sich mit dem Thema auseinander, die Zeit ist sinnvoll genutzt, der Lernstand wird nicht völlig ignoriert.
An Schulen, die datenschutzkonforme KI-Plattformen nutzen, können Vertretungsstunden zu strukturierten Wiederholungseinheiten werden. Die Schüler*innen arbeiten mit vorbereiteten KI-Assistenten an Übungsaufgaben zum aktuellen Stoff, erhalten individuelles Feedback und können in ihrem Tempo wiederholen. Die Vertretungslehrkraft moderiert, beantwortet Fragen und hilft bei technischen Problemen – aber sie muss nicht Expertin für das Fach sein.
Voraussetzung ist allerdings, dass die Schüler*innen die Tools bereits kennen und die Infrastruktur steht. Vertretungsunterricht ist nicht der richtige Moment, um neue Technologie einzuführen.
Die eleganteste Lösung erfordert Vorarbeit im Kollegium: Fachschaften entwickeln gemeinsam Vertretungs-Prompts für ihre Fächer. Für Mathematik Klasse 8 gibt es einen erprobten Prompt, der in Sekunden ein Wiederholungsblatt zu linearen Funktionen erstellt. Für Deutsch Klasse 10 einen Prompt für Textanalyse-Übungen. Diese Prompts liegen in einem gemeinsamen Pool, auf den alle zugreifen können.
Wenn dann die Krankmeldung kommt, muss die Vertretungslehrkraft nicht improvisieren. Sie öffnet den Prompt für das entsprechende Fach und die Klassenstufe, passt ihn gegebenenfalls an und hat in Minuten brauchbares Material. Das erfordert einmalige Investition, spart dann aber bei jedem Vertretungsfall Zeit und Nerven.
Vertretungsunterricht ist ein Paradebeispiel dafür, warum KI-Kompetenz für Lehrkräfte praktisch relevant ist. Nicht als abstraktes Zukunftsthema, nicht als pädagogische Spielerei, sondern als Werkzeug für reale Probleme, die täglich auftreten.
Die Frage ist nicht, ob KI den Lehrkräftemangel löst – das kann sie nicht. Die Frage ist, ob Lehrkräfte die Technologie nutzen können, um unter schwierigen Bedingungen bessere Ergebnisse zu erzielen. Vertretungsunterricht ist der Härtetest: wenig Zeit, unbekannte Klasse, fachfremdes Gebiet. Wer hier mit KI umgehen kann, hat einen echten Vorteil.
Und umgekehrt: Wer die Technologie nicht beherrscht, bleibt auf die alten Notlösungen angewiesen. Film, Stillarbeit, irgendwie durchkommen. Das funktioniert – aber es ist eine verpasste Chance.
Möchten Sie KI-Kompetenz lernen, die Sie in die Lage versetzt, in fünf Minuten eine sinnvolle Vertretungsstunde zu improvisieren, obwohl sie wieder das Fach noch die Klasse kennen? Die Workshops „Workshops" auf ki-lehren.de zeigen Ihnen, wie Sie in Minuten differenzierte Arbeitsblätter, Übungsaufgaben und Unterrichtsskizzen erstellen.
© Dr. Sven Lüder, www.ki-lehren.de
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