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27. Januar 2026 · 7 Min. Lesezeit

Was bleibt kreativ? Vorstellungskraft und Vision im KI-Zeitalter

Eine Schülerin generiert mit Midjourney ein beeindruckendes Bild. Ihr Mitschüler schreibt mit ChatGPT ein Gedicht, das die Lehrkraft berührt. Beide sagen: "Das habe ich gemacht." Stimmt das? Was genau haben sie gemacht und worin besteht ihre kreative Leistung?

Ich argumentiere dafür, dass die Frage: "Wer war kreativ?" in die Irre führt. Die bessere Frage lautet: Was mussten die Schüler*innen können, um ein überzeugendes Ergebnis zu erhalten? Für eine gelungene kreative Synthese sind bestimmte Fähigkeiten nötig, die Menschen mitbringen müssen: Vorstellungskraft, kreative Vision und Urteilsvermögen. Diese Fähigkeiten lassen sich an KI nicht delegieren. Darum werden sie nicht nur für künstlerische Zwecke immer wichtiger.

Was KI kann: Die Handwerkerin des Kombinierens

KI ist außerordentlich gut im Kombinieren und Variieren. Sie kann Stile mischen, die Menschen nie kombiniert hätten, Hunderte Varianten in Sekunden produzieren und Muster erkennen, die Menschen übersehen. In der Kreativitätsforschung spricht man von kombinatorischer Kreativität, also dem Verknüpfen bekannter Elemente auf neue Weise. Hier ist KI dem Menschen überlegen: Sie ist schneller, breiter, unermüdlicher.

Das hat Konsequenzen für kreative Berufe, die historisch zwei Fähigkeiten erforderten: die Vision (Was will ich erschaffen?) und das Handwerk (Wie setze ich es um?). Ein guter Autor musste nicht nur Ideen haben, sondern auch formulieren können; eine Malerin beherrschte nicht nur Komposition, sondern auch Pinseltechnik. Dieses handwerkliche Können, von der Komposition bis zur Formulierung oder technischen Ausführung, lässt sich zunehmend delegieren. Das hat zur Folge, dass die Vision, die der Menschen mitbringt, noch wichtiger wird – andernfalls wird nur noch Stereotype reproduziert.

Was KI nicht kann: Vision, Kommunikation, Verantwortung

Das ist auch für das Berufsleben wichtig: Wer einen Datensatz analysieren will, muss sich vorstellen können, welche Fragen interessant sein könnten. Welche Kategorien versprechen Erkenntnisgewinn? Welche Zusammenhänge lohnt es zu prüfen? KI kann alle Korrelationen berechnen, aber sie kann nicht wissen, welche davon bedeutsam sind. Bedeutsamkeit ist keine Eigenschaft der Daten, sondern entsteht im Kopf dessen, der eine Frage hat. Für kreative Arbeit gilt dasselbe: Wer ein Bild generieren lassen will, muss sich ungefähr vorstellen, wie das Ergebnis aussehen soll. Ansonsten wird es beliebig. Und wer keine eigene Vorstellung hat, kann nicht beurteilen, ob das Ergebnis gelungen ist. Vorstellungskraft, also die Fähigkeit, mentale Repräsentationen von etwas zu erzeugen, das nicht präsent ist, lässt sich nicht prompten.

Was es für überzeugende kreative Arbeit mit KI braucht, ist eine Vision, die der Prompt verkörpern muss. Der Prompt ist nicht die Kreativität, sondern der Ausdruck einer kreativen Vision. Ein guter Prompt erfordert in diesem Kontext dreierlei: eine Vorstellung vom Ziel, eine Kenntnis des Möglichkeitsraums und die Fähigkeit, die Vision in kommunizierbare Form zu bringen. Das ist anspruchsvoller, als es klingt. Viele Menschen erleben beim ersten Kontakt mit Bildgeneratoren eine Ernüchterung, weil das Ergebnis nicht dem entspricht, was sie "im Kopf hatten". Häufig liegt das daran, dass sie gar kein klares Bild im Kopf hatten, sondern nur eine vage Ahnung. Die KI macht diese Vagheit sichtbar.

Doch selbst mit einer klaren Vision ist der kreative Prozess nicht abgeschlossen. Die KI generiert lediglich Optionen, unter denen der Mensch auswählen muss. Diese Auswahl erfordert einen Maßstab (was ist "gut"?), die Fähigkeit, diesen Maßstab anzuwenden, und die Bereitschaft, Verantwortung für die Wahl zu übernehmen. Kreativität bedeutet eben nicht nur, etwas Neues zu erzeugen, sondern auch, dafür einzustehen. Wer aus zehn KI-generierten Entwürfen einen auswählt und sagt "Das ist meiner", übernimmt Verantwortung. Wer den erstbesten nimmt, weil er keine Kriterien hat, tut das nicht.

Didaktische Konsequenzen

Die Frage, wie viel KI-Beteiligung bei einer kreativen Arbeit vorliegt, ist für die Pädagogik zentral. Je mehr man an KI delegiert, desto wichtiger werden Vorstellungskraft, Vision und Urteil. Wer am Ende nur noch prüft und freigibt, braucht einen klaren inneren Maßstab, denn sonst wird die Prüfung beliebig. KI-kollaboriertes Arbeiten, bei dem Menschen und KI iterativ zusammenwirken, kann Kreativität durchaus fördern, weil es Vorstellungskraft und Urteil aktiv erfordert. Vollständige Delegation hingegen lässt diese Fähigkeiten verkümmern. Die didaktische Aufgabe besteht darin, die drei genannten Fähigkeiten gezielt zu entwickeln. Hier sind einige Impulse dazu:

  • Vorstellungskraft trainieren. Wer sich nichts vorstellen kann, kann KI nicht sinnvoll nutzen. Vorstellungskraft braucht Material: Erfahrungen, Eindrücke und Wissen. Deshalb ist es keine nostalgische Übung, wenn Schüler*innen Texte lesen, Bilder betrachten und die Welt erleben, und zwar bevor KI ins Spiel kommt. Wer ein Bild im Kopf hat, kann beurteilen, ob das KI-Ergebnis ihm entspricht. Man könnte "Stell dir vor..."-Übungen einsetzen: Was wäre, wenn? Wie könnte X aussehen? Daneben ist es wichtig, mentale Bilder beschreiben zu lassen, bevor sie generiert werden.
  • Kreative Vision formulieren. In einer einfachen Übung schreiben Schüler*innen einen detaillierten Prompt, bevor sie KI nutzen. Der Prompt wird anschließend diskutiert: Was fehlt? Was ist mehrdeutig? Was setzt du eigentlich voraus? Diese Reflexion macht die Vision explizit und ihre Lücken sichtbar. Kleine Änderungen im Prompt führen oft zu großen Unterschieden im Ergebnis. Das macht deutlich, wie viel von der menschlichen Formulierung abhängt, und unterstreicht, dass wir die Fähigkeit, uns präzise auszudrücken, weiterhin trainiert müssen.
  • Kreatives Urteil entwickeln. Schüler*innen generieren mehrere Varianten und begründen schriftlich, warum sie sich für eine entscheiden. Die Begründung macht den Maßstab explizit: Was gefällt mir daran? Was stört mich an den anderen? Nach welchen Kriterien urteile ich eigentlich? Zugleich ist dieser Frage-Typ, der auf persönlichen Geschmack zielt, statt auf objektive Beurteilung, per se KI-resistent. Man könnte auch versuchen, das "Unpromptbare" zu identifizieren, also kreative Leistungen zu finden, die KI nicht überzeugend erbringen kann. Die Diskussion darüber führt zum Kern der Sache.

Was bleibt kreativ?

KI verändert, was kreatives Arbeiten bedeutet. Das Handwerkliche – Formulieren, Komponieren, Visualisieren – wird delegierbar. Überzeugende kreative Arbeiten erfordern aber weiterhin spezifisch menschliche Leistungen: sich vorstellen zu können, was man will; eine Vision zu entwickeln und zu kommunizieren; darüber zu urteilen, was gut ist; und schließlich die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen.

Diese Fähigkeiten entstehen nicht von selbst, und sie entstehen nicht durch KI-Nutzung allein. Sie brauchen Erfahrung, Reflexion und Übung. Wer nur delegiert, entwickelt sie nicht. Wer klug kollaboriert, kann sie schärfen. Wer diese Fähigkeit nicht hat, wird von KI nicht befreit, sondern abhängig. Die Maschine kann alles produzieren. Sie kann nur nicht wollen.

Kreativität gezielt fördern: In den Workshops auf ki-lehren.de erarbeiten wir gemeinsam, wie Sie Vorstellungskraft, die Formulierung kreativer Visionen sowie die Fähigkeit, Erzeugnisse kritisch zu beurteilen im Unterricht stärken können – mit und ohne KI.

© Sven Lüder, www.ki-lehren.de

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