Vertrauensverlust durch KI
Viele Lehrkräfte erleben KI nicht als Fortschritt, sondern als Destabilisierung ihres Unterrichtsalltags. Warum Schulentwicklung bei dieser Frustration ansetzen muss.
Artikel lesenEine Schülerin generiert mit Midjourney ein beeindruckendes Bild. Ihr Mitschüler schreibt mit ChatGPT ein Gedicht, das die Lehrkraft berührt. Beide sagen: "Das habe ich gemacht." Stimmt das? Was genau haben sie gemacht und worin besteht ihre kreative Leistung?
Ich argumentiere dafür, dass die Frage: "Wer war kreativ?" in die Irre führt. Die bessere Frage lautet: Was mussten die Schüler*innen können, um ein überzeugendes Ergebnis zu erhalten? Für eine gelungene kreative Synthese sind bestimmte Fähigkeiten nötig, die Menschen mitbringen müssen: Vorstellungskraft, kreative Vision und Urteilsvermögen. Diese Fähigkeiten lassen sich an KI nicht delegieren. Darum werden sie nicht nur für künstlerische Zwecke immer wichtiger.
KI ist außerordentlich gut im Kombinieren und Variieren. Sie kann Stile mischen, die Menschen nie kombiniert hätten, Hunderte Varianten in Sekunden produzieren und Muster erkennen, die Menschen übersehen. In der Kreativitätsforschung spricht man von kombinatorischer Kreativität, also dem Verknüpfen bekannter Elemente auf neue Weise. Hier ist KI dem Menschen überlegen: Sie ist schneller, breiter, unermüdlicher.
Das hat Konsequenzen für kreative Berufe, die historisch zwei Fähigkeiten erforderten: die Vision (Was will ich erschaffen?) und das Handwerk (Wie setze ich es um?). Ein guter Autor musste nicht nur Ideen haben, sondern auch formulieren können; eine Malerin beherrschte nicht nur Komposition, sondern auch Pinseltechnik. Dieses handwerkliche Können, von der Komposition bis zur Formulierung oder technischen Ausführung, lässt sich zunehmend delegieren. Das hat zur Folge, dass die Vision, die der Menschen mitbringt, noch wichtiger wird – andernfalls wird nur noch Stereotype reproduziert.
Das ist auch für das Berufsleben wichtig: Wer einen Datensatz analysieren will, muss sich vorstellen können, welche Fragen interessant sein könnten. Welche Kategorien versprechen Erkenntnisgewinn? Welche Zusammenhänge lohnt es zu prüfen? KI kann alle Korrelationen berechnen, aber sie kann nicht wissen, welche davon bedeutsam sind. Bedeutsamkeit ist keine Eigenschaft der Daten, sondern entsteht im Kopf dessen, der eine Frage hat. Für kreative Arbeit gilt dasselbe: Wer ein Bild generieren lassen will, muss sich ungefähr vorstellen, wie das Ergebnis aussehen soll. Ansonsten wird es beliebig. Und wer keine eigene Vorstellung hat, kann nicht beurteilen, ob das Ergebnis gelungen ist. Vorstellungskraft, also die Fähigkeit, mentale Repräsentationen von etwas zu erzeugen, das nicht präsent ist, lässt sich nicht prompten.
Was es für überzeugende kreative Arbeit mit KI braucht, ist eine Vision, die der Prompt verkörpern muss. Der Prompt ist nicht die Kreativität, sondern der Ausdruck einer kreativen Vision. Ein guter Prompt erfordert in diesem Kontext dreierlei: eine Vorstellung vom Ziel, eine Kenntnis des Möglichkeitsraums und die Fähigkeit, die Vision in kommunizierbare Form zu bringen. Das ist anspruchsvoller, als es klingt. Viele Menschen erleben beim ersten Kontakt mit Bildgeneratoren eine Ernüchterung, weil das Ergebnis nicht dem entspricht, was sie "im Kopf hatten". Häufig liegt das daran, dass sie gar kein klares Bild im Kopf hatten, sondern nur eine vage Ahnung. Die KI macht diese Vagheit sichtbar.
Doch selbst mit einer klaren Vision ist der kreative Prozess nicht abgeschlossen. Die KI generiert lediglich Optionen, unter denen der Mensch auswählen muss. Diese Auswahl erfordert einen Maßstab (was ist "gut"?), die Fähigkeit, diesen Maßstab anzuwenden, und die Bereitschaft, Verantwortung für die Wahl zu übernehmen. Kreativität bedeutet eben nicht nur, etwas Neues zu erzeugen, sondern auch, dafür einzustehen. Wer aus zehn KI-generierten Entwürfen einen auswählt und sagt "Das ist meiner", übernimmt Verantwortung. Wer den erstbesten nimmt, weil er keine Kriterien hat, tut das nicht.
Die Frage, wie viel KI-Beteiligung bei einer kreativen Arbeit vorliegt, ist für die Pädagogik zentral. Je mehr man an KI delegiert, desto wichtiger werden Vorstellungskraft, Vision und Urteil. Wer am Ende nur noch prüft und freigibt, braucht einen klaren inneren Maßstab, denn sonst wird die Prüfung beliebig. KI-kollaboriertes Arbeiten, bei dem Menschen und KI iterativ zusammenwirken, kann Kreativität durchaus fördern, weil es Vorstellungskraft und Urteil aktiv erfordert. Vollständige Delegation hingegen lässt diese Fähigkeiten verkümmern. Die didaktische Aufgabe besteht darin, die drei genannten Fähigkeiten gezielt zu entwickeln. Hier sind einige Impulse dazu:
KI verändert, was kreatives Arbeiten bedeutet. Das Handwerkliche – Formulieren, Komponieren, Visualisieren – wird delegierbar. Überzeugende kreative Arbeiten erfordern aber weiterhin spezifisch menschliche Leistungen: sich vorstellen zu können, was man will; eine Vision zu entwickeln und zu kommunizieren; darüber zu urteilen, was gut ist; und schließlich die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht von selbst, und sie entstehen nicht durch KI-Nutzung allein. Sie brauchen Erfahrung, Reflexion und Übung. Wer nur delegiert, entwickelt sie nicht. Wer klug kollaboriert, kann sie schärfen. Wer diese Fähigkeit nicht hat, wird von KI nicht befreit, sondern abhängig. Die Maschine kann alles produzieren. Sie kann nur nicht wollen.
Kreativität gezielt fördern: In den Workshops auf ki-lehren.de erarbeiten wir gemeinsam, wie Sie Vorstellungskraft, die Formulierung kreativer Visionen sowie die Fähigkeit, Erzeugnisse kritisch zu beurteilen im Unterricht stärken können – mit und ohne KI.
© Sven Lüder, www.ki-lehren.de
Viele Lehrkräfte erleben KI nicht als Fortschritt, sondern als Destabilisierung ihres Unterrichtsalltags. Warum Schulentwicklung bei dieser Frustration ansetzen muss.
Artikel lesenWenn Schüler*innen KI nutzen können, bedeutet das mehr als nur De-Skilling – es führt zu einem tiefgreifenden Wandel von relevanten Fähigkeiten.
Artikel lesenChatbots passen sich uns an – aber zu welchem Preis? Personalisierung bietet Vorteile, birgt aber auch Risiken.
Artikel lesen