Was Studien über KI wirklich aussagen
Eine kritische Betrachtung der Aussagekraft von Studien zu KI und Bildung. Warum 'evidenzbasiert' nicht immer bedeutet, was es verspricht.
Artikel lesen„KI wird uns ersetzen." „Schüler*innen werden gar nichts mehr alleine machen." „Wozu noch selber denken?" Die Angst vor einer Zukunft, in der Menschen ihre Aufgaben komplett an Maschinen delegieren und zu passiven Konsumenten algorithmischer Outputs werden, ist weit verbreitet. Sie schwingt mit in Debatten über KI im Unterricht, über Hausaufgaben, über Leistungsbewertung. Und sie ist nachvollziehbar: Wenn KI so viel kann, warum sollten Menschen sich dann noch anstrengen?
Doch diese Angst übersieht etwas Entscheidendes. Denn es gibt menschliche Fähigkeiten, die KI nicht übernehmen kann – wobei technische Grenzen weniger ein Problem sind als vielmehr ethische. Eine dieser Fähigkeiten ist die, Verantwortung zu übernehmen. Und genau hier liegt eine große Chance für Bildung. Denn Menschen, insbesondere junge Menschen, wollen für bestimmte Aufgaben und Bereiche verantwortlich sein. Dieses Bedürfnis ist nicht nur vorhanden, es ist eine der stärksten Motivationsquellen überhaupt. Die Frage ist nur, ob wir es ansprechen.
Verantwortung zu übernehmen bedeutet mehr als eine Aufgabe zu erfüllen. Es bedeutet, für die Konsequenzen des eigenen Handelns einzustehen, Entscheidungen zu treffen und deren Folgen zu tragen. Es bedeutet, rechenschaftspflichtig zu sein – gegenüber anderen, gegenüber sich selbst, gegenüber gemeinsamen Werten.
KI kann keine Verantwortung übernehmen, weil sie keine Instanz ist, die zur Rechenschaft gezogen werden kann. Sie hat keine Intentionen, keine Werte, keine Interessen. Wenn ein Sprachmodell eine falsche Auskunft gibt, hat es nicht gelogen – es hat statistisch plausiblen Text generiert. Wenn es eine fragwürdige Empfehlung ausspricht, unter der Menschen leiden könnten, hat es keine moralische Entscheidung getroffen – es hat Muster aus Trainingsdaten reproduziert.
Das bedeutet: Verantwortung liegt immer bei Menschen. Wer KI nutzt, trägt die Verantwortung für diese Nutzung. Wer KI-generierte Texte einreicht, ist verantwortlich für deren Inhalt. Wer KI-gestützte Entscheidungen trifft, muss sie begründen und vertreten können. Diese Verantwortung lässt sich nicht delegieren – auch nicht an die leistungsfähigste KI der Welt.
Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber im Kontext von KI besonders relevant. Sie verschiebt den Fokus: Nicht „Was kann KI?", sondern „Wofür will ich verantwortlich sein?" wird zur entscheidenden Frage.
Menschen – und das gilt besonders für Kinder und Jugendliche – haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Sie wollen erleben, dass ihr Handeln etwas bewirkt, dass sie etwas gestalten können, dass sie Einfluss haben. Dieses Bedürfnis ist in der psychologischen Forschung gut dokumentiert und gilt als eine der Säulen intrinsischer Motivation.
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan nennt drei psychologische Grundbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit Menschen sich motiviert, engagiert und zufrieden fühlen: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Verantwortung zu übernehmen berührt alle drei Dimensionen. Wer Verantwortung trägt, entscheidet selbstbestimmt (Autonomie), erlebt sich als handlungsfähig (Kompetenz) und steht in Beziehung zu anderen, für die die eigene Leistung relevant ist (soziale Eingebundenheit).
Das erklärt, warum Schüler*innen oft gerade dann besonders engagiert sind, wenn sie echte Verantwortung übernehmen dürfen: bei Projekten, in denen sie selbst entscheiden können, bei Aufgaben, die für andere Menschen sichtbar und relevant sind, bei Herausforderungen, die sie eigenständig meistern können. Es ist kein Zufall, dass Projekte, bei denen man durch ein konkretes Engagement etwas lernt (bekannt als: Service Learning), oder Schülerfirmen besonders stark motivieren – sie geben jungen Menschen Verantwortung.
Dieses Bedürfnis verschwindet nicht, nur weil KI verfügbar ist. Im Gegenteil: In einer Welt, in der immer mehr automatisiert wird, könnte das Bedürfnis nach echten Gestaltungsräumen sogar wachsen.
Nicht jede Aufgabe löst das Bedürfnis nach Verantwortung gleichermaßen aus. Es gibt Tätigkeiten, die Menschen gerne delegieren – an andere Menschen, an Maschinen, an KI. Und es gibt Tätigkeiten, für die sie verantwortlich sein wollen.
Ein Beispiel: Viele Menschen lassen sich gerne beim Kochen inspirieren, suchen Rezepte online, nutzen vielleicht sogar KI-generierte Vorschläge. Aber die wenigsten würden das eigentliche Kochen komplett abgeben wollen, wenn sie für Gäste ein besonderes Essen zubereiten. Warum? Weil das Kochen in diesem Moment Teil dessen ist, wofür sie Verantwortung übernehmen wollen: für das Erlebnis, für die Qualität, für die Beziehung zu den Gästen.
Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Tätigkeiten. Menschen delegieren gerne Routineaufgaben, administrative Schritte, vorbereitende Recherchen. Aber wenn es um etwas geht, das ihnen wichtig ist, das Teil ihrer Identität ist, das sie mit anderen verbindet – dann wollen sie selbst gestalten.
Für Schüler*innen bedeutet das: Sie werden nicht automatisch alles an KI delegieren. Sie werden differenzieren. Viele werden Hausaufgaben abgeben wollen, in denen sie keinen Sinn sehen. Aber es gibt auch Aufgaben, Projekte und Themen, bei denen sie sich selbst einbringen wollen, weil sie ihnen etwas bedeuten und sie ihrer Lösung etwas Persönliches mitgeben wollen. Die pädagogische Herausforderung liegt darin, solche Aufgaben zu schaffen.
Die pädagogische Herausforderung liegt darin, solche Aufgaben zu schaffen.
Wenn das Bedürfnis nach Verantwortung so grundlegend ist – warum erleben wir dann oft das Gegenteil? Warum scheinen viele Schüler*innen desinteressiert, warum wird gemogelt, abgeschrieben, delegiert?
Meiner Ansicht nach liegt die Antwort häufig nicht bei den Schüler*innen, sondern bei den Aufgaben. Wenn Aufgaben keinen erkennbaren Sinn haben, wenn sie beliebig wirken, wenn unklar ist, wozu sie dienen und wem sie nützen – dann wird kein Gefühl von Verantwortung angesprochen. Dann wird Schule zu einem Ort, an dem es nur darum geht, Pflichten zu erfüllen, die man sich nicht selbst ausgesucht hat. Wer aber kann es einem verdenken, wenn man sich lästige Pflichten abnehmen lässt? Statt der langen öden Straße eine Abkürzung nimmt?
Das Gegenmittel liegt in der Gestaltung authentischer Lernsituationen, die echte Verantwortung ermöglichen:
Diese Ansätze sind nicht neu. Reformpädagogik, projektbasiertes Lernen, Service Learning – all das zielt seit Jahrzehnten darauf ab, Schüler*innen echte Verantwortung zu geben. Aber im Kontext von KI werden sie noch relevanter. Denn sie schaffen genau die Situationen, in denen Menschen ihre Aufgaben nicht delegieren wollen.
Früher konnte man sich durchmogeln, indem man abschrieb, Texte aus dem Internet kopierte, sich von anderen helfen ließ. Das war schon immer problematisch, wurde aber selten grundsätzlich thematisiert. Mit KI wird die Frage unvermeidlich: Wessen Arbeit ist das? Wer trägt Verantwortung dafür?
Diese Sichtbarkeit ist eine Chance. Sie zwingt uns, über Verantwortung zu sprechen – nicht als moralische Anklage, sondern als Grundlage für Lernen. Sie ermöglicht es, mit Schüler*innen zu klären: Wofür willst du verantwortlich sein? Was ist dir wichtig? Wo willst du wachsen?
Solche Gespräche setzen voraus, dass Lehrkräfte selbst eine klare Haltung entwickeln. Nicht: „Du darfst KI nicht nutzen, weil das Betrug ist." Sondern: „Wenn du KI nutzt, übernimmst du Verantwortung für das Ergebnis. Das bedeutet, du musst es verstehen, erklären, vertreten können. Bist du bereit dazu?"
Diese Haltung respektiert die Autonomie der Schüler*innen und appelliert gleichzeitig an ihr Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Sie macht deutlich: Es geht nicht darum, Regeln zu befolgen, sondern darum, für das eigene Handeln einzustehen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Werden Menschen sich komplett von KI ersetzen lassen? Werden sie zu passiven Konsumenten algorithmischer Outputs?
Die Antwort lautet: Nein – zumindest nicht in den Bereichen, die ihnen etwas bedeuten. Menschen delegieren gerne Aufgaben, die sie als lästig, sinnlos oder irrelevant empfinden. Aber sie werden nicht aufhören, Verantwortung für das zu übernehmen, was ihnen wichtig ist.
Das gilt für Erwachsene genauso wie für Jugendliche. Niemand lässt KI die Geburtstagsrede für die beste Freundin schreiben und trägt sie dann unreflektiert vor – weil die Rede etwas bedeutet, weil die Beziehung wichtig ist, weil man dafür verantwortlich sein will. Niemand lässt KI die Entscheidung treffen, welchen Beruf man ergreifen soll – weil die Konsequenzen das eigene Leben betreffen.
Schüler*innen sind nicht anders. Sie werden KI nutzen – selbstverständlich. Aber sie werden nicht damit aufhören zu wollen, dass bestimmte Dinge ihre eigenen sind. Die Frage ist nur, ob Schule ihnen Gelegenheit gibt, dieses Bedürfnis zu erleben und zu entwickeln.
Wenn Schule vor allem aus sinnlos scheinenden Pflichtaufgaben besteht, wenn es nur um Punkte geht, wenn Schüler*innen keine Möglichkeit haben, wirklich etwas zu gestalten – dann wird KI tatsächlich alles übernehmen. Nicht weil die Technologie so gut ist, sondern weil die Aufgaben es nicht sind.
Wenn Schule aber echte Verantwortung ermöglicht, wenn Aufgaben Sinn machen, wenn Schüler*innen erleben können, dass ihr Handeln etwas bewirkt – dann wird KI zu dem, was sie sein sollte: ein Werkzeug, das man nutzt, wenn es hilft, und beiseitelegt, wenn man selbst gestalten will.
Die Debatte um KI im Bildungsbereich dreht sich oft um Technologie, um Methoden, um Tools. Das ist wichtig. Aber noch wichtiger ist die Frage nach dem pädagogischen Kern: Was wollen wir erreichen? Welche Menschen wollen wir in die Welt entlassen?
Wenn die Antwort lautet: Menschen, die verantwortungsvoll handeln, die für ihr Tun einstehen, die selbstwirksam sind und eigene Entscheidungen treffen können – dann muss Schule Verantwortung ermöglichen. Nicht als Zusatzaufgabe, nicht als pädagogisches Ornament, sondern als Grundprinzip.
Das bedeutet: Aufgaben so gestalten, dass Schüler*innen Verantwortung übernehmen können und wollen. Es bedeutet, ihnen zuzutrauen, dass sie sich nicht einfach durchmogeln wollen, sondern dass sie wachsen wollen. Es bedeutet, mit ihnen zu sprechen – nicht über sie. Und es bedeutet anzuerkennen, dass die Frage „Wofür will ich verantwortlich sein?" eine persönliche Frage ist, die keine KI für einen beantworten kann.
In einer Welt, in der immer mehr automatisiert wird, wird diese Frage wichtiger. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, unterscheidet Menschen von Maschinen.
Lehrkräfte, die das verstehen und in ihrem Unterricht umsetzen, bereiten Schüler*innen nicht nur auf eine KI-geprägte Zukunft vor. Sie geben ihnen etwas, das keine Technologie ersetzen kann: das Gefühl, dass sie etwas bewirken können, dass sie gebraucht werden, dass sie verantwortlich sind für das, was sie tun. Und das ist vielleicht die stärkste Motivation überhaupt.
Möchten Sie lernen, wie Sie Unterricht gestalten können, der echte Verantwortung ermöglicht? In den Workshops „KI-resistente Hausaufgaben" und „KI und Entscheidungsfindung – Zwischen Verantwortung und Kontrollverlust" auf ki-lehren.de vermitteln wir nicht nur den Umgang mit KI, sondern auch pädagogische Prinzipien für authentische Lernsituationen. Wir entwickeln gemeinsam Aufgabenformate, die das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit ansprechen und Schüler*innen motivieren, Verantwortung zu übernehmen – mit und trotz KI.
© Sven Lüder, www.ki-lehren.de
Eine kritische Betrachtung der Aussagekraft von Studien zu KI und Bildung. Warum 'evidenzbasiert' nicht immer bedeutet, was es verspricht.
Artikel lesenEdTech-Plattformen versprechen einfachen Zugang zu KI, schaffen aber Abhängigkeiten und vermitteln keine echte Kompetenz.
Artikel lesenKI stellt traditionelle Leistungsformate in Frage – bietet aber auch massive Entlastung und neue Möglichkeiten.
Artikel lesen